Türkisches Generalkonsulat München

Mitteilung des Generalkonsulats

Interview Mit Dem Botschafter Der Republik Türkei, S.e. Herrn H. Avni Karslıoğlu Für “aujourd'hui La Turquie” , 25.04.2014

- Mit der Unterzeichnung eines deutsch-türkischen Anwerbeabkommens 1961 sind viele Türken als "Gastarbeiter" nach Deutschland eingewandert. Welchen Einfluss hatte dieses Abkommen auf die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern? 

 

Die diplomatischen Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland haben mit der Entsendung des Osmanischen Gesandten in die Preußische Hauptstadt Berlin im Jahr 1763 eine neue Dimension angenommen. Seither sind die Beziehungen zwischen den beiden Ländern, die nie gegeneinander Krieg geführt haben, von freundschaftlicher Natur. Im Rahmen des Arbeitskräftebedarfs, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland zeigte, wurde zwischen den beiden Ländern ein “Anwerbeabkommen” unterzeichnet. Eine Vielzahl von Türken begann, im Rahmen dieses Abkommens nach Deutschland zu kommen. Nach inzwischen mehr als 50 Jahren, die seitdem vergangen sind, liegt die Zahl der in Deutschland lebenden türkeistämmigen Menschen bei über drei Millionen. Etwa die Hälfte von ihnen sind türkische Staatsangehörige. Diese Menschen, die zur wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands beigetragen haben, können als Brücke der Freundschaft zwischen den beiden Ländern betrachtet werden.

 

 

- Wie haben sich die Türken integriert? Was war Ihre Rolle in der deutschen Gesellschaft und welches waren ihre Hauptschwierigkeiten?

 

Es war vorgesehen, dass die Türken, die nach Deutschland kamen, nach Ablauf ihrer befristeten Arbeitsverträge in ihre Heimat zurückkehren würden. Aus diesem Grund wurden für sie vorübergehende Gemeinschaftsunterkünfte in Arbeiterwohnheimen eingerichtet. Es wurden keinerlei Initiativen unternommen, die ihnen ermöglichten, Deutsch zu lernen oder sich in die Gesellschaft zu integrieren. Anstatt die in Deutschland ausgebildeten türkischen Arbeiter zurückzuschicken, boten die deutschen Firmen und Arbeitgeber an, ihre Verträge zu verlängern bis daraus ein dauerhaftes Arbeitsverhältnis wurde. Die Türken begannen, ihre Familien aus der Heimat nach zu holen. Die Familien versuchten so gut es ging, ihre religiösen und kulturellen Bedürfnisse selbst zu stillen. Die deutsche Öffentlichkeit hat sich anfangs wenig mit dem Thema befasst. Als der Öffentlichkeit bewusst wurde, dass die türkeistämmigen Menschen dauerhaft bleiben würden, wurde der Integration mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Heute sind Türkinnen und Türken in allen Bereichen der deutschen Gesellschaft präsent.

 

 

- Was sind die Hauptzahlen der türkischen Immigration in Deutschland?

 

Die Türkinnen und Türken, die in Deutschland leben, stellen die größte Migrantengruppe dieses Landes dar. Im Deutschen Bundestag versehen 11 türkeistämmige Abgeordnete in allen politischen Parteien ihren Dienst, in den Landtagen der Bundesländer sind es fast 40 Abgeordnete. In der neuen Bundesregierung ist zum ersten Mal eine türkeistämmige Abgeordnete in ein Ministeramt berufen worden (Aydan Özoğuz, Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin und Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration). Knapp 80.000 türkische Unternehmen erwirtschaften jährlich einen Umsatz von 40 Milliarden Euro und beschäftigen rund 400.000 Menschen. Und auch in den Bereichen Kultur, Sport und Kunst leisten türkeistämmige Menschen ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Leben und zu dessen Vielfalt.

 

 

- Die Frage der deutsch-türkischen doppelten Staatsbürgerschaft hat viele Debatten verursacht. Was können Sie uns darüber sagen?

 

Die Diskussionen, die in Deutschland im Zusammenhang mit der doppelten Staatsbürgerschaft geführt werden, rühren aus der diesbezüglichen Gesetzgebung her sowie aus der Wahrnehmung, dass es negative Folgen haben könnte, wenn man Türkinnen und Türken dieses Recht zuerkennt. Die Erfahrung einer Vielzahl von Ländern, die dieses Recht anerkennen, zeigt jedoch, dass diese Wahrnehmung falsch ist. Die Migranten, bevorzugen vielmehr jene Länder, die ihnen dieses Recht zugestehen. Auf der anderen Seite gestehen aus den unterschiedlichsten Gründen und Motiven die rechtlichen Bestimmungen in Deutschland  Menschen aus mehr als 50 Ländern die doppelte Staatsbürgerschaft zu. Bedauerlicherweise zählt die Türkei nicht dazu. Jedoch gewähren dieselben rechtlichen Bestimmungen in Deutschland geborenen Kindern von Migrantenfamilien bei Erfüllung bestimmter Bedingungen eine vorläufige doppelte Staatsbürgerschaft, um dann in Zukunft eine Wahl zu treffen. Dieses sogenannte Optionsmodell zwingt viele junge Menschen mit Migrationshintergrund, in einer wichtigen Zeit ihres Lebens eine schwierige Wahl zwischen beiden Staatsangehörigkeiten zu treffen. Dabei kann sich ein junger Mensch ebenso gut zwei Kulturen zugehörig fühlen. Diese Menschen können einen Beitrag für beide Länder leisten. Wir betrachten dies als eine Bereicherung. Daher bin ich der Ansicht, dass die doppelte Staatsbürgerschaft keine Sorge bereitet, sondern als Selbstverständlichkeit angesehen werden sollte. Derzeit steht die Abschaffung des Optionsmodells und zu diesem Zweck die Ausarbeitung eines neuen Gesetzes auf der Tagesordnung. Ich wünsche mir, dass eine Lösung gefunden wird, die nicht noch mehr bürokratische Diskussionen schaffen und die Erwartungen der Menschen mit Migrationshintergrund erfüllen wird.

 

 

- Wie ist das Bild der neuen Generationen türkeistämmiger Migranten in Deutschland?

 

Wie Sie wissen, betrachtete man generell die ersten Generationen noch als „Gastarbeiter“. Doch sie blieben, mit der Zeit wurden sie hier heimisch, bekamen Kinder und Enkel. Auch wenn heute unter dem Begriff „Integration“ Migranten von bestimmten Kreisen als Problem betrachtet werden, so werden die neuen Generationen doch hier geboren. Sie wachsen in diesem Land auf, sie sehen ihre Zukunft in diesem Land. Die Großmütter und Großväter, die Mütter und Väter dieser neuen Generationen haben zur heutigen Stabilität Deutschlands einen Beitrag geleistet. Und die neue Generation Jugendlicher beweist erfolgreich, dass sie ein Teil dieser Gesellschaft sind. Wir sehen, dass heutzutage türkeistämmige Menschen von Politik über Wirtschaft und Sport bis hin zur Kultur in allen Bereichen wichtige Positionen einnehmen und sich in hohem Maße in diese Gesellschaft integriert haben. Wir freuen uns über eine türkeistämmige Staatsministerin auf Bundesebene sowie über eine steigende Anzahl von türkeistämmigen Abgeordneten im Deutschen Bundestag. Wir freuen uns gemeinsam, wenn ein türkeistämmiger Fußballer ein Tor schießt oder die Filme eines türkeistämmigen Regisseurs einen Goldenen Bären erhalten. Man könnte noch mehr Beispiele nennen, doch kurz gesagt: Migranten tragen zur Vielfalt und zum Reichtum dieses Landes bei. Würden alle Teile der deutschen Gesellschaft und allen voran die Medien einen positiveren Ansatz in Bezug auf Migranten verfolgen, wäre auch dies im Hinblick auf die Überwindung einer Vielzahl der bestehenden Probleme von großem Nutzen.

 

- Was können Sie uns sagen über die heutigen deutsch-türkischen Beziehungen? Im Gegensatz zu den französisch-türkischen Beziehungen scheinen sie viel weniger schwankend: Gibt es ihrer Meinung nach eine Erklärung dafür?

 

Die deutsch-türkischen Beziehungen blicken auf eine traditionsreiche Vergangenheit zurück. Aber nicht nur mit Deutschland pflegen wir gute Beziehungen. Darüber hinaus haben wir mit all unseren europäischen Partnern exzellente Beziehungen, vor allem deshalb, weil wir dieselben Grundwerte teilen und auf diesem wertedefinierten Fundament ein sehr enges und inniges Verhältnis aufbauen konnten. Die besonderen Beziehungen mit Deutschland rühren auch daher, dass die Menschen türkischer Herkunft in Deutschland eine ganz wichtige Brückenfunktion zwischen unseren Ländern übernehmen. In einer sich zunehmend globalisierenden Welt, in der wirtschaftliche Zusammenarbeit eine entscheidende Rolle spielt, sollten diese transnationalen gesellschaftlichen Netzwerke ‒ auch im Hinblick auf die doppelte Staatsbürgerschaft ‒ weiter ausgebaut werden.

 

 

- Zum Schluss: Was wäre Ihre persönliche Bilanz aus der Partnerschaft zwischen Deutschland und der Türkei – in diplomatischer, kultureller und gesellschaftlicher Hinsicht? 

 

Ich denke, dass es auf der Welt wenige Länder gibt, die so eine enge und vielfältige Beziehung unterhalten wie die Türkei und Deutschland. Diese Partnerschaft lässt sich in vielen Feldern beobachten. Unser Verhältnis auf der diplomatischen Ebene basiert auf gleiche Werte und eine gemeinsame Verantwortung in der internationalen Politik. Regelmäßige hochrangige Besuche und gegenseitige Abstimmungen hinsichtlich internationaler Fragen prägen die Partnerschaft. Der Faktor Menschen steht im Mittelpunkt unserer Beziehungen. Die drei Millionen türkeistämmigen Menschen in Deutschland sowie die jährlich über fünf Millionen deutschen Touristen in der Türkei tragen dazu bei, dass ein reger Austausch zwischen den beiden Ländern stattfindet. Die kulturellen Beziehungen werden ständig ausgebaut. Deutsche Kultureinrichtungen sind seit vielen Jahren in der Türkei aktiv. Das Yunus-Emre-Institut eröffnet in Deutschland Kulturzentren. Im Rahmen des Türkisch-Deutschen Wissenschaftsjahres werden Universitäten und Forschungseinrichtungen gemeinsame Projekte vorantreiben. Insbesondere der Jugendbereich muss jedoch intensiver und gezielter ausgearbeitet werden. Beispielsweise gibt es noch kein deutsch-türkisches Jugendwerk. Dafür setze ich mich ein. Die Jugendlichen sollen sich ein Bild vom jeweils anderen Land machen, die Kultur und Werte kennenlernen und voneinander profitieren.